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Interview: „eHealth trifft direkt in das Herz des deutschen Gesundheitssystems“

PD Dr. Urs-Vito Albrecht, Medizinische Hochschule Hannover, stellvertretende Institutsleitung Institut für Medizinsche Informatik
PD Dr. Urs-Vito Albrecht, Medizinische Hochschule Hannover, stellvertretende Institutsleitung Institut für Medizinsche Informatik

Drei Fragen an PD Dr. Urs-Vito Albrecht, Peter L. Reichertz Instituts für Medizinische Informatik der Technischen Universität Braunschweig und der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH).


Das deutsche Gesundheitssystem hinkt in Sachen Digitalisierung hinterher – woran liegt das?

Die Verantwortung nur einer der beteiligten Parteien zuzuschieben, würde zu kurz greifen. Ein gutes Beispiel ist die viel gescholtene elektronische Gesundheitskarte (eGK), die aufgrund vieler Verzögerungen, organisatorischer Unklarheiten, unzureichend umgesetzten Technologien bzw. Infrastruktur und vielen anderen Faktoren bisher erst mit einem Bruchteil der ursprünglich geplanten Funktionen am Start ist. Die benötigten Spezifikationen und Technologien wie beispielsweise Testkarten und Kartenterminals oder die Hardware für den Datenaustausch zwischen Praxiscomputern und Internet verzögerten sich. Defizite, die dann insbesondere bei Ärzten, aber auch Patienten zu Vorbehalten gegenüber der digitalen Gesundheitskarte führten.


Welche digitalen Lösungen werden im Gesundheitsmarkt benötigt?

Unsere Gesellschaft wird bekanntlich immer älter und die Patientinnen und Patienten damit immer kränker. Das stellt unsere Gesundheitsversorgung vor Herausforderungen. Ebenso die Zunahme von Volkskrankheiten: 2016 suchten 36,7 Millionen Patienten, das ist fast die Hälfte der Bevölkerung, wegen Muskel-Skelett- oder Bindegewebserkrankungen eine Arztpraxis auf. 35,1 Millionen Deutsche litten an Atemwegserkrankungen, 29,5 Millionen an Drüsen-, Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten. Einer Online-Befragung unter Diabetikern zufolge, nutzen über 60 % bereits Gesundheits-Apps, davon 92 % eine Diabetes-App. Dahinter steht der Wunsch, das Selbstmanagement der Krankheit zu verbessern. Lösungen, die diesen Bedarf decken, werden von Ärzten wie Patienten besonders begrüßt. Das können eher niedrigschwellige Angebote wie Apps, aber auch telemedizinische Ansätze sein. Insbesondere in ländlichen bzw. strukturschwachen Regionen, in denen die Versorgung heute schon wegen des Ärztemangels teils problematisch ist, können mHealth (mobile Health)- und eHealth-basierte Lösungen unterstützen – auch wenn sie kein Ersatz für medizinische Versorgung sein können.


80 % aller Gesundheits-Apps richten sich direkt an den Verbraucher im häuslichen Umfeld. Wie können Kliniken von der Digitalisierung profitieren?

Auf mobilem Wege ergeben sich für Kliniken diverse Chancen: Der mobile Zugriff auf diagnostische Daten am Patientenbett, z. B. auf medizinische Bilddaten oder Laborwerte, kann auch dazu genutzt werden, den Patientinnen und Patienten im Gespräch Abläufe und Diagnosen zu veranschaulichen. Das verbessert die Kommunikation zwischen den Beteiligten. Grundsätzlich können Apps vor, während und nach dem Krankenhausaufenthalt genutzt werden, um administrative Abläufe zu organisieren, denn die machen in der Regel nicht vor Sektorengrenzen halt. Wenn wir nicht nur an mobile Anwendungen denken, zählt hierzu auch die Einrichtung einer digitalen Patientenakte. Diese kann die Versorgung auch für Kliniken effizienter gestalten, die Dokumentation erleichtern und zudem dabei helfen, Prozesse zu optimieren.

Bis eHealth-Lösungen angemessen umgesetzt und zum flächendeckenden Einsatz bereit sind müssen jedoch nicht nur bestehende technische und infrastrukturbedingte Fragestellungen gelöst werden. Eine besondere Herausforderung wird auch die Akzeptanz aller Beteiligten sein. Das Thema Datenschutz wird hierzulande von Vielen – Patienten wie Versorgern – mit weitaus mehr Argwohn betrachtet als dies in Ländern der Fall ist, in denen bereits entsprechende Konzepte umgesetzt wurden. Ebenso bleiben finanzielle Aspekte eine Herausforderung. Versorger erwarten eine adäquate Vergütung ihrer digital erbrachten Leistung, Patienten eine Erstattung abseits von Pilotprojekten. Wenn es gelingt, verfügbare Lösungen so zu gestalten, dass sie diesen Punkten Rechnung tragen, sind allein schon durch Vereinfachung organisatorischer Belange, von Kommunikation bis Datenerfassung und -haltung positive Effekte zu erwarten.