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Interview: „Beim Händehygiene-Verhalten sind die unbewussten Einstellungen und Empathie ausschlaggebend.“

Prof. Dr. Johannes Keller, Leitung Abteilung Sozialpsychologie, Universität Ulm.
Prof. Dr. Johannes Keller, Leitung Abteilung Sozialpsychologie, Universität Ulm.

3 Fragen an Prof. Dr. Johannes Keller, Leiter der Abteilung Sozialpsychologie an der Universität Ulm


Zwischen dem Wissen um die Bedeutung der Händehygiene und dem Handeln klafft eine große Lücke – die Compliance liegt durchschnittlich bei 50 %. Wie erklären Sie als Sozialpsychologe diese Diskrepanz?

Johannes Keller: Der Krankenhausalltag ist gekennzeichnet durch komplexe Arbeitsabläufe und oftmals auch Zeitmangel. Dem MODE-Modell (Motivation and Opportunity as DEterminants) von Russell H. Fazio und Mitarbeitern folgend ist das Verhalten von Personen unter solchen Umständen insbesondere dadurch bestimmt, welche Inhalte ihnen in der betreffenden Situation gerade „durch den Kopf gehen“, d.h. was im Gedächtnis zugänglich ist. Wie wir im Rahmen unserer Forschung feststellen konnten, wird Händehygiene in den meisten Fällen spontan und automatisch ausgeführt, ohne dass bewusst nachgedacht oder überlegt wird. Damit ist vor allem die implizite (unbewusste) Einstellung zur Händehygiene entscheidend – und diese kann sich durchaus stark von der bewusst geäußerten expliziten Einstellung unterscheiden. Die Tatsache, dass bewusste Einstellungen zur Vorhersage spontaner, automatisch ausgeübter Verhaltensweisen oft wenig relevant sind, kann als Erklärungsansatz dafür herangezogen werden, dass die Bedeutung der Händehygiene zwar weithin bekannt und akzeptiert ist, die Compliance jedoch lückenhaft bleibt.


Sie wünschen sich mehr positive Gefühle bei der Händehygiene. Wurden rational-logische Ansätze wie Schulungen für die Compliance bisher überbewertet?

Johannes Keller: Nein, selbstverständlich sind auch Fakten wichtig. Denn Wissen kann im Laufe der Zeit verinnerlicht werden und so in die implizite Einstellung einfließen. Dennoch ist es wichtig, die Bedeutung positiver Assoziationen zur Händehygiene im Gedächtnis des Personals im Gesundheitswesen zu erkennen, wenn es um die Händehygiene geht. Deshalb sollten neue Interventionen auch so konzipiert sein, dass sie die Händedesinfektion mit angenehmen Erlebnissen verknüpfen und damit eine positive implizite Einstellung fördern. Es darf jedoch nicht vergessen werden, dass grundsätzlich jeder Handlung die Gelegenheit, sie auszuführen, vorangeht. Es müssen also die Voraussetzungen für die Durchführung der Händedesinfektion geschaffen sein. Das schließt die Verfügbarkeit von Hände-Desinfektionsmittel genauso ein wie die richtige Platzierung der Dosierspender gemäß den 5 Momenten – z.B. am Point of care.


Sie sprechen von „Modifikation der impliziten Einstellung“ – Gibt es hier aus Ihrer Sicht bereits erfolgversprechende Ansätze?

Johannes Keller: Ein erster guter Ansatz ist das Produkt zur Händedesinfektion selbst. So sind z.B. ein ansprechender Duft oder ein erlebtes Pflegegefühl positive Assoziationen, die sich mit der Anwendung des Hände-Desinfektionsmittels verknüpfen. Ist das Hautgefühl nach der Händedesinfektion gut, so bleibt das auch positiv im Gedächtnis haften. Ein weiterer erfolgversprechender Ansatzpunkt ist die Empathie des pflegerischen und ärztlichen Personals. Da die Händehygiene für den Patientenschutz und damit für das Wohlergehen anderer zentral ist, stellt Empathie einen weiteren wichtigen Schlüsselfaktor für die Compliance dar. Je empathischer Pflegekräfte und Ärzte sind, desto öfter desinfizieren sie sich die Hände. Und Mitgefühl kann man trainieren und situativ fördern, z.B. mit speziellen Empathie-Trainings und -Interventionen.


Quelle
Vortrag gehalten von Prof. Dr. Johannes Keller, Leitung Abteilung Sozialpsychologie, Universität Ulm. Mittags-Symposium: Gesunde Haut – besserer Infektionsschutz. Neue Erkenntnisse zur Compliance in der Händehygiene, Berlin, 10. Juli 2015, veranstaltet vom BODE SCIENCE CENTER, Hamburg, wissenschaftliches Kompetenzzentrum der PAUL HARTMANN AG, Heidenheim.