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Abstract: Operation gelungen – Patient infiziert. Antibiotikaresistenzen aus Patientensicht

Im Jahr 2015 wurden laut Endoprothesenregister (EPRD) in Deutschland rund 400 000 endoprothetische Eingriffe an Hüft- und Kniegelenken vorgenommen. Damit gehören Implantationen künstlicher Gelenke zu den 20 häufigsten Operationen in Deutschland. Die Eingriffe unterteilen sich in Primärimplantationen und Wechseloperationen. Nach endoprothetischen Eingriffen kann es zu teilweise ernsthaften Komplikationen kommen.

Laut EPRD stellen Infektionen nach der Lockerung des Implantats den zweithäufigsten Grund für den Wechsel einer Prothese dar – Tendenz steigend. Während im Jahr 2013 insgesamt 11,1 % der Prothesen wegen Infektionen ausgetauscht wurden, stieg der Anteil im Jahr 2015 auf 15,6 %. Ob die erhöhte Zahl tatsächlich einen Anstieg der Infektionen aufzeigt oder ob sie auch auf eine verbesserte Diagnostik zurückzuführen ist, bleibt jedoch offen. Sicher ist, dass viele Infektionen unerkannt bleiben und die offiziellen Zahlen deutlich unterschätzt sind.

Das Spektrum potenzieller Infektionserreger in der Endoprothetik ist vielfältig. Mit 70 % haben Staphylokokken hier den höchsten Anteil an Infektionen, die meisten Infektionserreger sind gegenüber Standardantibiotika resistent. Die pathogenen Keime können entweder während der Operation oder infolge von Lungenentzündungen, Atemwegs- oder Harnwegsinfektionen in die Gelenke gelangen. Dort schließen sich die Keime auf den Prothesen zu gefährlichen Biofilmen zusammen.

Die Folgen für betroffene Patienten sind gravierend. Denn die Protheseninfektionen verursachen erhebliche Beeinträchtigungen der Lebensqualität. Dazu gehören neben chronischen Schmerzen und Immobilität auch zusätzliche Operationen, die wiederum mit weiteren gesundheitlichen Einschränkungen einhergehen können.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Symptome einer Gelenkinfektion häufig nicht oder sehr spät erkannt werden. Das zeigt exemplarisch der Fall einer jungen Polizistin, deren Beschwerden wie Fieber und Schweißausbrüche zunächst einer hormonellen Erkrankung zugeschrieben wurden. Bevor die Ursache der schmerzhaften Erkrankung, nämlich eine nosokomiale MRSA-Infektion in Zusammenhang mit Knieersatzteilen, identifiziert wurde, zog die Patientin sogar eine Amputation ihres Beines in Erwägung. Den Wendepunkt in diesem Fall schaffte ein neues Behandlungskonzept der Berliner Charité.

Das Konzept setzt sich aus einer differenzierten Diagnostik sowie einer innovativen interdisziplinären Therapie zusammen. Zentrales Element der Therapie: der genaue Nachweis des Erregertyps mit einer verbesserten mikrobiologischen Diagnostik wie der Sonikation (Ultraschallbehandlung der entfernten Prothese). Hierbei wird der Bakterien-Biofilm auf der Prothese in einem Ultraschallbad entfernt und anschließend analysiert. Zu verbesserten Diagnostikmethoden gehören neue Molekularmethoden, welche das Erbmaterial der Bakterien trotz vorangegangener Antibiotikatherapie nachweisen können. Dies ermöglicht einen erregerspezifischen, gezielten Einsatz von Antibiotika. Eine rationale Antibiotikatherapie stellt den Heilungserfolg sicher, vermeidet Re-Infektionen und trägt dazu bei, keine weiteren Resistenzen hervorzurufen. Im Fall der Polizistin konnte das differenzierte Therapieregime eine Amputation verhindern und eine vollständige schmerzfreie Mobilität wieder herstellen.


Quelle
„Operation gelungen – Patient infiziert. Antibiotikaresistenzen aus Patientensicht“ Vortrag gehalten von Dr. Andrej Trampuz, Oberarzt, Sektionsleiter Infektiologie und septische Chirurgie, Charité Berlin, Mittags-Symposium: Antibiotikaresistente Erreger: Neue Hygienestrategien entlang der Patient Journey, Berlin, 17. November 2016, veranstaltet vom BODE SCIENCE CENTER, Hamburg, wissenschaftliches Kompetenzzentrum der PAUL HARTMANN AG, Heidenheim.



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