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Interview: „Da ansetzen, wo es weh tut“

Dr. Henning Mallwitz, Director BODE SCIENCE CENTER, Director Research & Development BODE Chemie GmbH
Dr. Henning Mallwitz, Director BODE SCIENCE CENTER, Director Research & Development BODE Chemie GmbH

Drei Fragen an Dr. Henning Mallwitz, Director BODE SCIENCE CENTER, Director Research & Development der BODE Chemie GmbH, Hamburg.


Zwischen 1 000 und 4 000 Todesfälle jährlich allein durch Infektionen mit mehrfach resistenten Erregern –  in Deutschlands Kliniken besteht akuter Handlungsbedarf. Wie hoch schätzen Sie das Präventionspotenzial von Hygienemaßnahmen bei Antibiotikaresistenzen ein?

Dr. Henning Mallwitz: Notwendig sind – vereinfacht gesagt – die Entwicklung neuer Antibiotika bzw. Antiinfektiva, eine rationale Antibiotikagabe und eine konsequente Umsetzung von Hygienemaßnahmen. Letztere bieten den Vorteil, dass sie sofort umsetzbar und im Verhältnis zur Entwicklung neuer Arzneimittel auch noch kostengünstig sind. Und: Hygiene kann darüber hinaus einen erheblichen Beitrag zum Schutz aller Patienten im Krankenhaus vor nosokomialen Infektionen (NI) leisten, unabhängig vom Erreger. Konservativ geschätzt, lassen sich 30 % dieser Infektionen durch Hygiene vermeiden. Es gibt aber auch schon Studien, die zeigen, dass Infektionsraten bei Patienten mit zentralem Venenkatheter sogar um fast 90 % reduziert werden können. Vor allem die Händehygiene spielt hier eine Schlüsselrolle. Für Patienten mit Infektionen durch multiresistente Erreger (MRE) ist dieser positive Effekt besonders wichtig, da sie meist schwerwiegendere Krankheitsverläufe haben und die Therapieoptionen bei MRE limitiert sind.


Die Compliance bei der Händehygiene ist bekanntermaßen unzureichend. Einige Experten zweifeln an, ob eine 100%ige Compliance überhaupt machbar ist. Was ist denn aus Patientensicht vertretbar?

Dr. Henning Mallwitz: Sicher ist nicht zu vertreten, dass nur jede zweite erforderliche Händedesinfektion durchgeführt wird. Allerdings ist die Variationsbreite hier unter den Kliniken sehr groß. Es gibt durchaus Häuser, in denen die Rate über 70 % liegt. Aus Sicht des Patientenschutzes legen neuere Studienergebnisse nahe, dass eine konstante Compliance in der Händehygiene ab 80 % erreicht werden muss, um eine Ausbreitung von Infektionen sicher zu verhindern. Ab diesem Schwellenwert sank einer amerikanischen Studie zufolge zum Beispiel die NI-Rate insgesamt um 31 %. Dabei reduzierten sich die MRSA-Raten um 64 % und die Zahl der Blutstrominfektionen um 66 %. Ein hohes Infektionsrisiko besteht für Patienten, bei denen eine aseptische Tätigkeit vorgenommen wird, zum Beispiel wenn ein Venen- oder Harnwegskatheter gelegt wird. Hier können Erreger über den Katheter in das umgebende Gewebe oder sogar bis in das Blutgefäßsystem eindringen und schwerwiegende Infektionen wie eine Sepsis auslösen. Um einen möglichst großen Einfluss auf die Patientensicherheit zu nehmen, haben wir uns vom BODE SCIENCE CENTER bei der Entwicklung einer neuen Hygienestrategie auf eben diese aseptischen Tätigkeiten konzentriert. Wir setzen praktisch da an, wo es weh tut.


Wäre nicht das Motto für die Hygiene: Einfach machen? Die meisten wissen doch, wie es geht. Wo haben Sie noch neue Ansätze gefunden?

Dr. Henning Mallwitz: Auch wenn das Wissen über das richtige Hygieneverhalten häufig vorhanden ist, heißt das noch nicht, dass die praktische Umsetzung direkt am Patienten und in genau der Situation, in der es für diesen kritisch werden könnte, erfolgt. Wir sehen hier noch sehr viel Verbesserungspotenzial auf unterschiedlichen Ebenen. Unser Ansatz zielt darauf, konkrete Pflegetätigkeiten als Ganzes für den Patienten sicherer zu machen. Dafür haben wir Standardprozesse (SOPs) für wichtige pflegerische und ärztliche Maßnahmen, die in Zusammenhang mit häufigen nosokomialen Infektionen stehen, entwickelt. Hygiene hat ja viel mit Verhaltensänderung zu tun.

Aus der Arbeitsorganisation wissen wir, dass gut strukturierte, aufeinander aufbauende Tätigkeiten besser für den Mitarbeiter nachzuvollziehen sind. Unsere SOPs bieten eine logische Abfolge aller Schritte einer kompletten Pflegemaßnahme,  wobei alle infektionskritischen Momente integriert sind. Im Arbeitsfluss erkennen Mitarbeiter die Zusammenhänge zwischen ihrem Handeln und dem Infektionsrisiko des Patienten viel besser. Dass Workflow-Verbesserungen die Compliance erhöhen können, insbesondere bei der Händedesinfektion vor aseptischen Tätigkeiten, zeigen bereits erste Studien mit  Steigerungen von 65 % auf 97 %. Auch die Praxiserfahrungen der Pilotkliniken, die mit unseren SOPs arbeiten, stimmen optimistisch.


Quelle
„Ganz nah dran – Hygiene entlang der Patient Journey“ Vortrag gehalten von Dr. Henning Mallwitz, Director BODE SCIENCE CENTER, Director Research & Development BODE Chemie GmbH, Hamburg , Mittags-Symposium: Antibiotikaresistente Erreger: Neue Hygienestrategien entlang der Patient Journey, Berlin, 17. November 2016, veranstaltet vom BODE SCIENCE CENTER, Hamburg, wissenschaftliches Kompetenzzentrum der PAUL HARTMANN AG, Heidenheim.