DESINFACTS | Ausgabe 1/2020

13 WISSEN Mühevolle Arbeit: seriös bleiben! Falsche Einschätzungen kursieren auch zur Wirksam- keit der alkoholischen Händedesinfektion beim neuen Coronavirus und anderen Krankheitserregern. Sie einfach als Fake News oder das Ergebnis schlampiger redaktioneller Arbeit abzutun, wäre der falsche Weg, wie wir damit umgehen sollten. Wir sollten Fehlein- schätzungen ernst nehmen und seriös – mit beiden Beinen fest auf dem Boden der evidenzbasierten Wis- senschaft stehend – demaskieren. Die Wissenschaftlerin Alexandra Peters (Uniklinik Genf, Schweiz) hat vorgemacht, wie das geht: Sie sezierte im November letzten Jahres (also noch vor SARS-CoV-2) gemeinsam mit Didier Pittet eine im Fachmagazin „mSphere“ der American Society for Microbiology pu- blizierte Studie. Die Studie bezweifelte die Wirksam- keit der etablierten Händehygienemaßnahmen beim Influenzavirus und fand daher auch in Publikumsme- dien Beachtung (5). Nach einer detaillierten Analyse der Studie fiel das Urteil der beiden Fachleute vernich- tend aus: Nicht nur die Schlussfolgerung sei falsch. Die Studie weise gravierende Mängel im Design der Expe- rimente auf und habe obendrein keine klinische Rele- vanz, da die Autoren beispielsweise den wesentlichen mechanischen Effekt durch Reibung bei der Händehy- giene vernachlässigt hatten. Insgesamt zeigten die Au- toren, dass sie weder die klinische Praxis noch die gegenwärtigen Empfehlungen zur Händehygiene oder die aktuelle Fachliteratur kennen würden. Das alles schrieben Peters und Pittet in einem ausführlichen Le- serbrief, der ebenfalls in „mSphere“ veröffentlicht wurde (6). Sie beendeten ihn mit einer Klarstellung: Die alkoholische Händedesinfektion sei extrem wirk- sam gegen Influenzaviren und helfe effektiv gegen nicht-sporenbildende Organismen, unbehüllte Viren eingeschlossen. Verzerrende Überschrift Nicht immer liegt der Fehler bei den Autoren einer Stu- die oder ihren Gutachtern. Das zeigt sich in einem ähn- lichen Fall, der Widerspruch von Peters und Pittet hervorrief (7): In einem Leserbrief an das renommierte Fachmagazin „Lancet“ wandten sie sich 2018 zusam- men mit einer weiteren Kollegin gegen eine dort ver- Die WHO räumt auf einer eigens dafür eingerichteten Webseite mit Mythen rund um das neuartige Coronavirus auf. Zu jedem Thema gibt es Grafiken mit Fragen und Antworten, die herunter- geladen oder mit anderen geteilt werden können. Mehr unter: Häufige Mythen über SARS-CoV-2 und COVID-19: 1. Einsprühen mit Alkohol- oder Chlorlösungen inaktiviert Coronaviren, die bereits im Körper sind? Nein. 2. Ein heißes Bad schützt vor SARS-CoV-2? Nein. 3. Spülen der Nase mit Kochsalzlösung verhindert eine SARS-CoV- 2-Infektion? Nein. 4. Händetrockner sind wirksam gegen SARS-CoV-2? Nein. 5. Essen von Knoblauch schützt vor SARS-CoV-2? Nein. WHO-Webseite räumt mit Mythen auf www.who.int/emergencies/diseases/novel-coronavirus- 2019/advice-for-public/myth-busters öffentlichte Studie zur angeblichen Toleranzentwick- lung von Enterococcus faecium gegen Isopropanol: Nach Analyse der Studie machten sie vor allem die Presseabteilung des Verlags verantwortlich für die Ver- breitung der Falschnachricht. Denn die hatte die Pres- semitteilung zur Studie mit folgender Überschrift aufgemacht: „Hospital superbugs becoming resistant to alcohol disinfectants“. Eine verzerrende Aussage, so die ExpertInnen, wenn man bedenke, dass „alkoholi- sche Händedesinfektionsmittel auf der WHO-Liste es- sentieller Arzneimittel stehen und jährlich weltweit Millionen Leben retten“. Quellen: 1 Süddeutsche Zeitung. Forscher geißeln Gerüchte um das neue Coronavirus. 19. Februar 2020. Link: https://www.sueddeutsche.de/gesundheit/covid-19-coronavirus-labor-1.4805658 2 Süddeutsche Zeitung. Fake News über Whatsapp. 15. März 2020. Link: https://www.sueddeutsche.de/digital/coronavirus-whatapp-fake-news-1.4845355 3 Medizinische Universität Wien. Angebliche Forschungsergebnisse der „Wiener Uniklinik“ rund um das Covid-19-Virus sind Fake News. 14. März 2020. Link: https://www.meduniwien.ac.at/web/ueber-uns/news/detailseite/2020/news-im-maerz/angebli - che-forschungsergebnisse-der-wiener-uniklinik-rund-um-das-covid-19-virus-und-ibuprofen-sin d- fake-news/ 4 Bundesamt für Gesundheit (BAG). Ist Ibuprofen gefährlich bei einer Infektion mit dem Coronavi- rus?15. März 2020. Link: https://www.bag.admin.ch/bag/de/home/das-bag/aktuell/news/news- 06-03-20201.html 5 Hirose R et al. 2019. Situations leading to reduced effectiveness of current hand hygiene against infectious mucus from influenza virus-infected patients. mSphere 4:e00474-19. https://doi .org/10.1128/mSphere.00474-19. 6 Peters A, Pittet D. 2019. Influenza and alcohol-based handrub: the danger of ignoring clinical relevance. mSphere 4:e00719-19. https://doi.org/10.1128/mSphere.00719-19 7 Pidot SJ et al. 2018. Increasing tolerance of hospital Enterococcus faecium to handwash alcohols. http://stm.sciencemag. org/lookup/doi/10.1126/scitranslmed.aar6115 8 Peters A et al. 2018. Enterococcus faecium tolerance to isopropanol: from good science to misinformation. https://www.thelancet.com/action/showPdf?pii=S1473-3099%2818%2930542-5

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