DESINFACTS | Ausgabe 1/2020

MENSCHEN & PERSPEKTIVEN staubten: „Fragt man, was sie bewirken konnte, ist man erst mal er- staunt“, so die Biographin. „Sie hatte Kontakte auf höchster politischer Ebene und kannte die wichtigsten Experten. Sie konnte königliche Un- tersuchungskommissionen initiieren, Gesetzgebungsprozesse anstoßen und war damit auf Gebieten tätig, die den allermeisten Frauen ihrer Zeit verschlossen waren.“ Glorifizierung und Diffamierung Dass König Edward VII. sie im Jahr 1907 als erste Frau in den „Oder of Merit“ aufnahm – einen Orden mit dem Persönlichkeiten geehrt werden, die herausragende Leistungen beim Militär, in Wissenschaft, Kunst, Lite- ratur oder auf anderen Gebieten erbracht haben –, un- terstreicht ihre Außergewöhnlichkeit in der damaligen Zeit. Sie war schon zu Lebzeiten eine Legende, der „nichts Geringeres als die Rettung der britischen Armee und die Erfindung der modernen Krankenpflege im Al- leingang“ zugeschrieben wurde, so Herold-Schmidt. Nach ihrem Tod wurde ihr schnell ein Denkmal gebaut, dass viele Jahre später – im übertragenen Sinne – vom Sockel gestoßen wurde. „Zu sehen, wie sich die Erinnerung an Nightingale mit der Zeit veränderte, war äußerst interessant“, sagt die Historikerin. Nightingale habe dem kolonialen Eng- land lange als Integrationsfigur gedient. „Sie stand für englische Werte und Führungsansprüche in der Welt und auch für progressive Reform- bestrebungen.“ Ab den 1980er Jahren änderte sich die Beurteilung: Nightingale wurde für viele Probleme der modernen Krankenpflege ver- antwortlich gemacht, ihre Leistungen kleingeredet. Plötzlich galt sie als „machtbesessene, psychisch labile Intrigantin, die den Emanzipationsbe- mühungen ihrer Geschlechtsgenossinnen Steine in den Weg gelegt hat“. Miasmen oder Keime? Einer der vielen Kritikpunkte ist Nightingales Umgang mit der Keim- theorie. Als sie sich ab den 1840er Jahren mit den Ursachen von Krank- heiten beschäftigte, vertraten die meisten Experten noch die Ansicht, Miasmen, ungesunde Ausdünstungen des Bodens, die mit Gestank und Gärprozessen verbunden sind, verursachen Krankheiten. Erst mit den Entdeckungen von Robert Koch und Louis Pasteur ab Ende der 1870er Jahre setze sich die Erkenntnis durch, dass es wohl eher winzige lebende Organismen sind, die für viele Krankheiten des Menschen verantwortlich sind. „Nightingale schloss sich dieser Theorie um 1885 an“, sagt ihre Biographin. Und bereits ab 1873 seien in ihrer Pflegeschule neben all- gemeiner Reinlichkeit auch Desinfektionsmethoden und Antisepsis un- terrichtet worden. Dem Kontakt mit Wunden und der Vermeidung von Blutvergiftungen wurde große Aufmerksamkeit gewidmet: „finger Buchtipp Florence Nightingale – Die Frau hinter der Legende. Von Dr. Hedwig Herold-Schmidt. wbg Theiss in Wissenschaftliche Buchgesellschaft (WBG) Darmstadt, 2020. 320 Seiten. ISBN: 978-3-8062-4055-9. Preis: 30 Euro poisoning“ galt es mit allen Mitteln zu verhindern. „Für Nightingale hatte die Keimtheorie zunächst aber keine größeren praktischen Folgen“, so Herold- Schmidt. Denn die Entdeckung spezifischer Erreger brachte ja vor der Einführung von Impfungen und Antibiotika keinerlei zusätzlichen therapeutischen Nutzen. Nightingale blieb daher bei ihren strikten Hy- gieneregeln. „Obwohl ihre Präventionsmethoden auf nach heutigem Wissen ‚falschen‘ Vorstellungen ba- sieren, waren sie bereits vor ihrer Konversion zur Keimtheorie zweifellos das Mittel der Wahl, um In- fektionen im Krankenhaus zu bekämpfen.“ Das lange Festhalten an der Miasmentheo- rie hatte für Nightingale aber auch prakti- sche Aspekte: „Die Miasmentheorie verlangte Engagement zur Beseitigung von Schmutz aller Art und die individuelle Sorge für ein gesundheitszuträgliches Leben.“ Die Keim- theorie dagegen schien aus ihrer Sicht Betroffene zur Passivität zu verurteilen. „Nightingale fürchtete, öffentliche Gelder für Kanalisationsprojekte könnten versiegen und die Angst vor Ansteckung würde zu einer Vernachlässigung der Pflege führen.“ Nightingales Erbe Manche von Florence Nightingales Vorstellungen von Gesundheit, Krankheit und Heilung wurden durch den wissenschaftlichen Fortschritt widerlegt. Zu vie- len aktuellen Themen hat Sie aber immer noch eini- ges zu sagen, ist sich ihre Biographin sicher: „Wenn heute Forderungen nach einer unabhängigen, sich selbst regulierenden Pflege-Profession erhoben wer- den, dann ist das in ihrem Sinne. Sie hat genau das versucht, konnte es aber nicht durchsetzen.“ Auch ihr ganzheitliches Gesundheitskonzept, bei der Prä- vention enorm wichtig war, sei auf der Höhe der Zeit. „Und Krankenhausinfektionen sind ja mehr denn je ein gravierendes Problem: Sauberkeit und Hygiene waren immer das Credo Nightingales.“ Grundsätzlich dürfe man aber nicht mit den Maßstäben des 21. Jahrhunderts eine Person des 19. Jahrhunderts beur- teilen. „Florence Nightingale war – trotz ihrer Außer- gewöhnlichkeit – immer auch ein Kind ihrer Zeit.“ 19 „Der Kampf um das Bild Nightingales in der Öffentlichkeit tobt bis in die jüngste Zeit.“

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