DESINFACTS | Ausgabe 1/2020

7 WISSEN Neuartige Infektionskrankheiten sind ein globales Risiko Die Welt dreht sich um das neue Coronavirus. Was bei der Konzentration auf SARS-CoV-2 aber nicht vergessen werden sollte: Epidemien mit neuen, bislang unbekannten Krankheitserregern bleiben ein dauerhaftes Risiko. Auch SARS-CoV-2 wird Nachfolger haben, die irgendwie und irgendwo einen Weg zum Menschen finden werden. Und das „irgendwann“ ist nicht fern, so der WHO-Bericht „A world at risk“ von September letzten Jahres. Von Wuhan in die Welt Die Druckerschwärze war kaum getrocknet, als die Warnung traurige Realität wurde: „Die Welt ist akut be- droht von einer verheerenden regionalen oder globalen Epidemie oder Pandemie, die nicht nur zu Todesfällen führen, sondern auch die Wirtschaft auf den Kopf stel- len und soziales Chaos verursachen wird“, so der Re- port der ExpertInnen des Global Preparedness Monitoring Board (GPMB), der im September 2019 von der Weltgesundheitsorganisation WHO veröffentlicht wurde (1). Weiter heißt es: „Die Welt ist nicht vorbe- reitet auf eine Pandemie mit einem sich schnell ver- breitenden, ansteckenden, respiratorischen Krankheits- erreger.“ High-impact-Atemwegskeime wie ein beson- ders tödlicher Influenza-Stamm würden vor allem in un- serer modernen Zeit ein spezifisches globales Risiko darstellen. Die Gründe dafür, die inzwischen jedem be- kannt sein dürften: Solche Erreger verbreiten sich leicht über Tröpfchen. Dadurch können sie sehr schnell viele Menschen infizieren und sich dank der heutigen Ver- kehrsinfrastruktur rasant ausbreiten. Das Risiko bleibt hoch Diese Pandemie ist jetzt Wirklichkeit. Und die Gefahr einer weiteren verheerenden Epidemie bleibt bestehen: Denn die bedrohliche Ausgangslage hat sich nicht ge- ändert. Infektionskrankheiten wie SARS, MERS oder Ebola sind laut GPMB-Report die „Vorläufer einer neuen Ära von sich potenziell schnell ausbreitenden High-impact-Ausbrüchen, die immer häufiger registriert werden und zunehmend schwierig zu managen sind“. Dem Bericht zufolge zählte die WHO allein zwischen 2011 und 2018 insgesamt 1483 epidemische Ereig- nisse („epidemic events“) in 172 Ländern. Befeuert wird der Kontakt mit zuvor unbekannten Krankheitserregern durch ökologische, ökonomische, politische und soziale Entwicklungen. Der Report zählt dazu das Bevölke- rungswachstum – heute leben knapp 7,8 Milliarden Menschen auf der Welt (2) – und die global vernetzte Weltwirtschaft mit transkontinentalen Lieferketten bis in die hintersten Ecken der Welt. Hinzu komme: Menschen reisen immer schneller, häufiger und weiter. Auch der Klimawandel mischt mit: Er verändert Ökosysteme und treibt Wildtiere (und ihre Viren!) in die Welt der Menschen. Kriege und die zunehmende Zahl der gescheiterten Staaten machen die Lage nicht besser. Die AutorInnen nen- nen zudem Ursachen, die auch in der aktuellen Corona-Pandemie für Spe- kulationen sorgten: Das absichtliche Freisetzen zuvor genetisch veränderter Krankheitserreger. Mit dem heute verfügbaren gentechnischen Metho- denkoffer – man denke an die Genschere CRISPR (3) – sei das auch für am- bitionierte Laien möglich. Hausaufgaben machen! Angesichts solcher Szenarien sollten sich Staaten und internationale Orga- nisationen also besser auf globale Gesundheitsnotstände vorbereiten. Im Vorwort des GPMB-Berichts mahnen Gro Harlem Brundtland, frühere Pre- mierministerin Norwegens sowie ehemalige WHO-Generaldirektorin, und Elhadj As Sy, Generalsekretär der Internationale Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmond-Gesellschaften (IFRC), daher Konsequenzen an: „Viel zu lange haben wir bei Pandemien einen Zyklus zwischen Panik und Ver- nachlässigung zugelassen: Wir fahren bei einer ernsten Bedrohung unsere Anstrengungen hoch, wenn die Gefahr abklingt, vergessen wir sie schnell. Es ist höchste Zeit zu handeln.“ Gefordert werden beispielsweise ausreichende Investitionen in die Ent- wicklung innovativer Impfstoffe. Auch breit wirksame antivirale Medika- mente sowie angemessene nicht-pharmazeutische Interventionen sollten einsetzbar sein, wenn es darauf ankommt. Dazu zählen selbstverständlich Seuchenschutz- und Desinfektionsmaßnahmen. Das Einhalten der Basis- hygiene – auch das lehrt die Corona-Pandemie – ist die erste Verteidi- gungslinie im Kampf gegen neuartige Krankheitserreger. Quellen: 1 Global Preparedness Monitoring Board. A world at risk: annual report on global preparedness for health emergencies. Geneva: World Health Organization; 2019. Licence: CC BY-NC-SA 3.0 IGO. Link: https://apps.who.int/gpmb/assets/annual_report/GPMB_annualreport_2019.pdf 2 Worldometer (abgerufen am 25.03.2020). Link :https://www.worldometers.info/world-popula- tion/population-by-country/ 3 Wessels, H., Méndez-Mancilla, A., Guo, X. et al. Massively parallel Cas13 screens reveal princi- ples for guide RNA design. Nat Biotechnol (2020). https://doi.org/10.1038/s41587-020-0456-9

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