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Autor: Temime, L. et al. (2018) Quelle: Temime, L. et al. Impact of a multicomponent hand hygiene-related intervention on the infectious risk in nursing homes: A cluster randomized trial. Am J Infect Control, 2018, 46:2. 173-179.

STUDIE

Temime, L. et al. (2018)

Seltenere Todesfälle, weniger Antibiotika: Die Auswirkung einer Händehygiene-Intervention in französischen Altenheimen

Hintergrund: Bewohner von Altenheimen und Pflegeeinrichtungen sind oft besonders infektionsgefährdet – aufgrund von Multimorbidität, körperlicher Behinderungen und kognitiver Einschränkungen. Durch das gleichzeitig hohe Maß an sozialen Interaktionen, sowohl mit Bewohnern und Pflegekräften, steigt die Gefahr der Erregerübertragung. Die so erhöhte Prävalenz von Infektionskrankheiten führt zu häufigen Krankenhausaufenthalten und erhöhtem Antibiotika-Verbrauch. Infektionen stellen außerdem eine häufige Todesursache in Altenheimen und Pflegeeinrichtungen dar. Maßnahmen der Infektionsprävention sind daher ein zentrales Thema in der Altenpflege – finden in der Praxis jedoch bislang wenig Anwendung. So liegt beispielsweise die Zuverlässigkeit bei der Umsetzung internationaler Händehygiene-Empfehlungen durchschnittlich unter 20 Prozent.
Ob eine systematische Händehygiene-Intervention die Compliance in französischen Pflegeeinrichtungen verbessern und die Morbidität und Mortalität der Bewohner beeinflussen kann, untersuchten daher Temime et al. in einer aktuellen Studie.


Methode: Temime et al. führten eine 2-armige, Cluster-randomisierte kontrollierte Studie mit 27 französischen Pflegeheimen durch. Nach einer Pilotstudie in einem Altenheim in Paris wurden die teilnehmenden Einrichtungen gleichmäßig und zufällig der Kontroll- oder Interventionsgruppe zugeordnet. In den Interventionseinrichtungen wurde eine Händehygiene-Intervention über einen Zeitraum von 12 Monaten durchgeführt (April 2014 – April 2015).
Die Intervention umfasste ein Maßnahmenbündel bestehend aus:

  • Neue Händedesinfektionsmittel-Spender und Einführung von Kitteltaschenflaschen
  • Kampagne zur Förderung der Händehygiene, bestehend aus Postern und Aktionstagen
  • Implementierung lokaler Arbeitsgruppen in jeder Einrichtung
  • Schulungen der Mitarbeiter durch eLearnings und Händehygiene-Fortbildungen

Als primärer Endpunkt wurde das Auftreten von Ausbrüchen akuter Atemwegsinfektionen und akuter Magen-Darm-Infektionen ausgewertet. Als sekundäre Endpunkte dienten die Mortalitäts-Rate, Hospitalisierungs-Rate und die Häufigkeit von Antibiotika-Behandlungen. Als Näherungswert für die Händehygiene-Compliance der Mitarbeiter wurde über den Gesamtzeitraum der Studie außerdem der Verbrauch von Händedesinfektionsmitteln gemessen.
Die Daten wurden über 18 Monate in allen teilnehmenden Einrichtungen monatlich aufgezeichnet: Drei Monate vor Beginn der Intervention (zur Ermittlung einer Baseline), 12 Monate während der Intervention (Testphase) und drei Monate nach der Intervention (Follow-Up).

Ergebnisse:
Händedesinfektionsmittel-Verbrauch: Vor dem Interventionszeitraum verbrauchten die Mitarbeiter beider Gruppen etwa 4,5 mL Händedesinfektionsmittel pro Bewohnertag. Während der Testphase stieg der Verbrauch in beiden Gruppen unterschiedlich stark. Die Interventionsgruppe verbrauchte rund 40 Prozent und damit signifikant mehr Händedesinfektionsmittel, als die Kontrollgruppe (7,9 mL / Bewohnertag vs. 5,7 mL / Bewohnertag).

Primäre Endpunkte: Aufgrund eines eingeschränkten Meldeverhaltens fehlten valide Angaben zu Ausbrüchen akuter Atemwegsinfektionen und akuter Magen-Darm-Infektionen, so dass die Auswirkung der Händehygiene-Intervention in diesem Zusammenhang nicht beurteilt werden konnte.

Sekundäre Endpunkte: Über den Interventions-Zeitraum von 12 Monaten verzeichnete die Interventions-Gruppe signifikant geringere Mortalitätsraten. Ein besonders deutlicher Unterschied zur Kontrollgruppe war während der heftigen Grippewelle Anfang 2015 zu verzeichnen, die in dieser Saison besonders ältere Menschen betraf: Hier war die Mortalitätsrate der Interventionsgruppe kurzfristig rund 30 % geringer als in der Kontrollgruppe.
Im Vergleich zur Kontrollgruppe wurden den Bewohnern der Interventions-Einrichtungen über den Studien-Zeitraum außerdem rund 14 % weniger Antibiotika verschrieben. Die Anzahl der Hospitalisierungen unterschieden sich zwischen den Gruppen hingegen nicht.


Fazit: Die aktuelle Studie zeigt: Altenheime und Einrichtungen zur Langzeitpflege, können von einer besseren Umsetzung von Händehygiene-Standards profitieren – insbesondere im Rahmen von Krankheitswellen. Der erhöhte Verbrauch von Händedesinfektionsmitteln in der Interventionsgruppe lässt die Autoren auf eine bessere Händehygiene-Compliance schließen. Sie führen die Reduktion der Sterblichkeit und des Antibiotika-Verbrauchs auf eine Reduktion von Infektionskrankheiten zurück, auch wenn im Rahmen der Erhebung nur die allgemeine und nicht die Infektions-assoziierte Mortalität ermittelt werden konnte und die beobachteten Effekte zeitlich begrenzt waren.
Die Autoren betonen, dass Pflegeeinrichtungen angepasste Handlungsempfehlungen für die Händehygiene benötigen. Sie empfehlen, Strategien für eine bessere Händehygiene-Compliance in Alten- und Pflegeheimen an die Gegebenheiten vor Ort anzupassen und dabei Faktoren, wie häufige Mitarbeiterwechsel, Schichtdienste sowie die häufigen sozialen Kontakte besonders mit einzubeziehen.
Zur besseren Bewertung der Compliance, sprechen sich die Autoren allerdings dafür aus, den von der WHO empfohlenen Goldstandard anzuwenden – denn die direkte Beobachtung liefere verlässlichere Daten, als die Bewertung des Händedesinfektionsmittelverbrauchs.


Quelle:
Temime, L. et al. Impact of a multicomponent hand hygiene-related intervention on the infectious risk in nursing homes: A cluster randomized trial. Am J Infect Control, 2018, 46:2. 173-179.