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EXPERTEN-INTERVIEW

Biodiversität und Hygiene
Einfach mal machen lassen?

Dr. Erika Mönch
Dr. Erika Mönch, Head of Microbiology, Research & Development Disinfection, BODE Chemie

Desinfizieren wir zu viel? Sollten die Keime die Angelegenheit lieber unter sich regeln? Eine aktuelle Veröffentlichung überträgt das Modell der Vielfalt von Lebensformen auf unseren Umgang mit Keimen – zuhause und im Krankenhaus. Biodiversität – so die These – lässt die nützlichen Keime über die schädlichen triumphieren. Was für die Darmflora gilt, lässt sich aber nicht unbedingt auf kontaminierte Oberflächen übertragen. Und: Ist ein Krankenhaus überhaupt ein Ökosystem? Dr. Erika Mönch, Head of Microbiology, Research & Development Disinfection, BODE Chemie, räumt im Interview mit allzu einfachen Antworten auf.


Die Forschung betrachtet den Menschen als Ökosystem mit vielfältigen Lebensformen – was genau ist damit gemeint?

Ein gesunder erwachsener Mensch ist etwa mit 100 Billionen Bakterien besiedelt. Haut, Mund und Darm des Menschen können wir daher tatsächlich als Ökosysteme, also als Lebensräume bezeichnen. Dabei sind die Mikroorganismen keinesfalls alle als Krankheitserreger anzusehen, sondern agieren vielfach als hilfreiche Partner für unser Immunsystem. Ein Beispiel ist die so genannte Mikrobiota – die Gesamtheit aller Mikroorganismen im menschlichen Darm.


Dann stimmen Sie einer aktuellen Veröffentlichung* zu, die besagt, dass eine große Vielfalt unterschiedlicher Mikroorganismen beim Menschen dafür sorgt, dass sich pathogene Formen nicht ausbreiten?

Es gibt dafür durchaus positive Beispiele wie etwa die Mikrobiota-Transplantationen (FMT) von Mensch zu Mensch bei Infektionen mit Clostridium difficile. Die koloskopische Anreicherung mit nicht pathogenen Keimen im Darm führt dazu, dass sich die pathogenen Clostridium difficile-Bakterien nicht weiter verbreiten können. Die Erfolgsrate dieser Methode bei rezidivierenden Clostridium-difficile-Infektionen liegt Studien zufolge bei 87 %**.


Das ist beeindruckend – regulieren sich demnach nützliche und schädliche Bakterien selbst, wenn man sie nur ließe?

Welche Mikroorganismen nützlich und welche schädlich sind, ist nicht absolut zu sehen. Dies kann sich je nach Standort und Situation ändern. E. coli im Darm übernimmt durchaus nützliche Funktionen und kann pathogenen Mikroorganismen durch die Aufnahme von Nährstoffen die Lebensgrundlage entziehen. Geraten E. coli-Bakterien jedoch in Blutgefäße können gefährliche Blutstrominfektionen entstehen. Auf ihrem Weg dorthin werden die Kolibakterien nicht durch andere Bakterien gehindert, sondern durch eine indikationsgerechte Antiseptik, beispielsweise vor aseptischen Tätigkeiten.

Oder nehmen Sie unsere residente Hautflora: Diese Standortflora setzt sich aus Keimen wie Staphylococcus epidermidis, Propioni- und Corynebakterien zusammen, die auf der gesunden Haut nicht pathogen wirken und das Wachstum nichtresidenter Bakterien hemmen. Dennoch müssen diese Keime bei einer chirurgischen Händedesinfektion oder durch eine präoperative Hautantiseptik größtmöglich reduziert werden, damit sie bei einer Operation nicht in die OP-Wunde gelangen und dort Infektionen auslösen.


Die Theorie der Nützlichkeit von Mikroorganismen wird auch auf Oberflächen im häuslichen Umfeld und im Krankenhaus ausgeweitet und stellt die Desinfektion von Flächen infrage. Sollten wir uns bei der Hygiene und Desinfektion mehr zurückhalten?

Dass Mikroorganismen auf Oberflächen gefunden werden, bedeutet nicht, dass sie dort ein Ökosystem darstellen. In den meisten Fällen liegen sie auf den Oberflächen und persistieren dort. In diesem Zustand können sie abhängig von der Spezies unterschiedlich lang ausharren. So kann man auf Oberflächen im Krankenhaus z. B. unterschiedliche Mikroorganismen der menschlichen Haut finden, die durch Personalbewegung verteilt werden.

Zu den häufigsten Erregern, die auf Flächen in der unmittelbaren Patientenumgebung gefunden wurden, gehören MRSA, VRE sowie Clostridium difficile. Dass sich auf kontaminierten Flächen ein Ökosystem aus nützlichen und schädlichen Mikroorganismen bildet, das am Ende die Clostridien oder multiresistenten Erreger verdrängt, ist nicht belegt. Im Krankenhaus stellen Keime auf Oberflächen ein Kreuzkontaminationsrisiko dar und stehen in Zusammenhang mit Ausbrüchen. Eine effizient und sorgfältig durchgeführte Desinfektion beugt einer Verbreitung dieser Keime vor und reduziert das Infektionsrisiko. In umfangreichen Prüfungen belegte Einsatzkonzentrationen sind so gewählt, dass alle Keime reduziert werden. Entscheidend sind evidenz-basierte Grundlagen für eine indikationsgerechte, gezielte Desinfektion. Auch Hygieneexpert*innen wissen natürlich: Völlige Keimfreiheit kann und muss es auch im Krankenhaus nicht geben.


Frau Dr. Mönch, wir danken für das Gespräch.


*Dunn RR et al. (2019) Biodiversity-ecosystem function relationships on bodies and buildings. Nat Ecol Evol. 3(1):7-9

** https://www.aerzteblatt.de/archiv/134461/Stuhltransplantation-bei-therapierefraktaerer-Clostridium-difficile-assoziierter-Kolitis Letzter Zugriff 04.04.2019